Rasseportrait

Der Hirte, der einen echten Partner braucht.
Ein Landseer-Mensch muss lernen, die Führungsrolle, die ihm sein Hund zugesteht, täglich neu einzunehmen. Schafft er das, dann wird aus der Beziehung Mensch-Landseer eine absolute Liebesgeschichte.
Paul Pry war Steuermann auf der "Lydia".Zweimal zog ihn sein Hund aus stürmischer See, das erste Mal gerade noch rechtzeitig, das zweite Mal nicht. Paul Pry war tot. Seitdem lebte "Paul Pry's Hund" allein im Hafen. Er lag auf der Kaimauer, wartete, rettete "Schiffbrüchige". Die britische Lebensrettungsgesellschaft ernannte ihn zum Ehrenmitglied und sorgte für sein "tägliches Brot".
Sir Edwin Landseer malte ihn als "Ein Ehrenwertes Mitglied der menschlichen Gesellschaft". Das war 1831 in England. Und deshalb heißen diese weißen Hunde mit den schwarzen Platten, die aussehen wie Paul Pry's Hund "Landseer".

Viele Wege führen zur Insel.
Paul Pry hatte seinen Hund von Neufundland mitgebracht. Dort an den felsigen Küsten im grauen Norden lebten viele dieser Hunde. Sie halfen den Fischern, Boote und Netze an Land zu holen, halfen den Holzfällern, ihre schweren Lasten zum Wasser zu ziehen. Wie und wann diese großen Schlappohr-Riesen auf die kalte Insel im Norden kamen, darüber gibt es viele Legenden. Eine erzählt: Diese Hunde sind die Nachkommen jener "Bärenhunde", die Erik der Rote und seine Wikinger mitbrachten, als sie vor 1000 Jahren Nordamerika entdeckten, und die auf der einsamen Insel im hohen Norden allein und ganz auf sich gestellt überlebten.


Eine andere sagt: Diese Hunde sind "echte Indianerhunde", die vom Festland auf die Insel kamen und die sich dort dem harten Leben als "Fischer" anpassen mussten. Aber: Als der Italiener Capoto 1497 Neufundland entdeckte, kamen ihm keine großen Hunde am Strand entgegen. Und Capoto schrieb auf, was später viele sagten: "Die Indianer haben keine Hunde" - sie haben "Wölfe". Die lndianer kannten nämlich keine (europäischen) Schlappohr-Hunde. Der "typische Indianerhund" war schäferhundartig: stehohrig, langschnauzig, schmal und ausgesprochen "wolfsähnlich". Und die ersten schlappohrigen "Newfoundland Dogs" werden erst "aktenkundig", nachdem die Briten 1713 die Insel übernommen hatten, als sich britische Siedler und Fischerauf den bis dahin französischen lnseln niederließen. Deshalb gibt es heute eine dritte "Neufundland-Saga", und die sagt: Baskische Fischer aus Südfrankreich und Nordspanien brachten den heimischen Pyrenäen-Hirtenhund als Schützer und Wächter mit in den Norden, und wenn sie nach erfolgreicher .Jagdsaison und voll beladen wieder nach Hause segelten, liessen sie ihre Hunde aus Platzmangel zurück. Die Hunde überwinterten auf den Inseln, paarten sich mit den "Indianerhunden" und ihre Nachkommen wurden dann jene typischen "Neufundland Hunde": wettertest, genügsam und imposant.Doch auch auf diese Saga muss man wohl - wie Radio Eriwan einstmals - antworten: "Im prinzip ja - aber":
Die modernen baskischen Hirtenhunde, der Mastin de los Pirineos z.ß., die sind nicht weniger wetterfest, genügsam und imposant. Und hätten sich solche Mastines mit den schäferhundartigen Indianerhunden vermischt, dann wären ihre Nachkonlmen nicht noch größer und kräftiger geworden, sondern kleiner, leichter und - nur halb so "dickköpfig".


Außerdem: Der Schweizer Naturforscher Konrad Gesner (1516-1565) beschreibt in seinem "Thierbuch" auch die großen "Hirten- und Schaaffhunde", von denen "etliche das Vieh... etliche besondere Häuser verhüten" und er sagt: "Gleicher Gestalt soll auch der seyn, so zur Hut der Ruder, der Schiffe, und Kauffmans-Güter in den Schiffen gehalten wird." Wenn man aber-auf dem leeren Schiff - solche "Kaventsmänner" mittnahm, "zur Hut der Ruder und der Güter" gegen die damals allgegenwärtigen Seepiraten, dann wies man sie sicherlich nicht genau in dem Moment von Bord, in dem es endlich etwas zu "verhüten" gab.

In der Heimat fast ausgestorben.
Wie also könnte die Saga der Neufundland-Hunde, aus denen die Landseer hervorgingen - ohne viele Wenns und Abers -, lauten? In etwa so: Baskische Fischer brachten schon vor 500, 400 Jahren baskische Mastines mit "zur Hut" der Schifte und der Güter genauso wie "zur Hut" der Menschen und der Häuser an Land.Als aber - nach 1713 - die Briten Neufundland übernahmen, staunten die: Echte langhaarige Hirtenhunde hochbeinig, wendig und mit "glattem Gesicht" - gab es nämlich in Großbritannien schon lange nicht mehr. Und pfiffige "lnsulaner" machten aus dieser Unkenntnis ein Geschäft: Sie verkauften den unwissenden Nord-Europäern alteingesessene südeuropäische Hirtenhunde als ganz neue "Echte Neufundländer".Das Geschäft lief gut, so gut, dass den pfiffigen Insulanern schon 100 Jahre später die "Ware" knapp wurde. Sie mischten also ihre Mastines mit Indianerhunden. Der kleinere, reinschwarze oder braune "St.-Johns-Hund" entstand. Und der machte in England Karriere: Britische Züchter übernahmen ihn. Sie schufen aus ihm unter Einmischung britischer Jagdhunde die heute so beliebten Retriever-Rassen. Aber sie schufen auch - unter Einmischung kontinental-eurasischer Hunderiesen - jenen bärigen Neufundländer, der heute als "Bestes Stück der Familie" weltbekannt ist.


Vor 100 Jahren etwa war "Paul Pry's weiß-schwarzer Hund" fast vergessen und überlebte nur noch als nicht gern gesehene "Fehlfarbe" in ansonsten reinschwarzen Neufundländer-Würfen. Doch er hatte treue Anhänger auf dem Kontinent. Die standen zu ihrem "Landseer" und züchteten ihn weiter. Und sie erreichten, dass er 1960 als eigenständige Rasse anerkannt wurde. Seitdem gibt es "Paul Pry's Hund" offiziell als zwei Rassen. Es gibt ihn als "schwarz-weißen Neufundländer, Ursprungsland: Kanada, FCI-Standard Nr. 50" und als "weiß-schwarzen Landseer kontinental-europäischen Typs, Ursprungsland: Schweiz und Deutschland, FCI-Standard Nr. 226". Was ist der Unterschied zwischen einem modernen "Neufundländer" und einem modernen , Landseer"? Beide Rassen unterscheiden sich nicht nur äußerlich: der Neufundländer etwas niedriger, kompakter, der Landseer hochbeiniger, beweglicher. Sie unterscheiden sich vor allem im Wesen: Ein Neufundländer ist wirklich ein "Bär", selbstzufrieden, gelassen, gemütlich,tolerant, und wenn ihn irgendetwas aus der Ruhe bringen soll, dann muss dieses Etwas aus Sicht eines Neufundländers schon wirklich "echt empörend" sein. Ein Landseer dagegen ist temperamentvoller, wacher, reagibler. Er ist - dem Wesen nach - ein "Hirtenhund" geblieben. Er braucht zwar-wie die anderen großen Hirtenhunde (neudeutsch: "Herdenschutzhunde") auch - keinen Hirten und keine Schafherde um sich. Aber er braucht -vom ersten Tag an - einen Partner neben sich, der ihn als "Junior-Partner mit bestimmten Rechten und Pflichten" akzeptiert, der aber -trotzdem- immer weiß, was er will und was nicht, und der das auch - mit Konsequenz und Humor durchsetzt. Und er braucht ein Haus mit lauter offenen Türen und einen Garten mit einem Zaun drumherum. Ein Landseer braucht - wie alle großen Hirtenhunde - ein klar umrissenes Revier mit deutlichen Grenzen, innerhalb derer er sich aber jederzeit frei bewegen darf und mit seinem "Rudel" "mitwandeln" kann. Er sucht ein Revier und Arbeit Ein Landseer braucht - vom ersten Tag an - klare Verhältnisse und einen Partner, der ihm die Welt und seine Grenzen zeigt und dem er sich - deshalb - vertrauensvoll anschließt. Hat er das, wird er fast von allein zum aufmerksamen Begleiter; zum geduldigsten Kinderwächter, zum Freund aller freundlichen Menschen. Hat er das nicht, stellt er sich selbstbewusst und dominant irgendwann seine "Verhältnisse" und Lebensregeln selber her und läßt sich dann auf Dauer da nicht mehr reinreden.


Der Landseer und sein Mensch.
Nein, Landseer sind keine "einfachen Hunde", keine "Hunde für jedermann". Aber wer sich - mit Geduld, Zuwendung und Konsequenz - auf ihn einlässt, der hat bald einen Freund, wie er ihn sich zuverlässiger, anhänglicher, intelligenter gar nicht träumen könnte. Ein Landseer ist ein großer, selbstbewusster Hund, aber immer aufmerksam, immer lernbereit. Ein Landseer kann alles lernen freiwillig und aus Überzeugung. Wer also mit seinem Landseer zufrieden leben will, der muss sich Zeit nehmen.und seinen Hund überzeugen. Aber er darf dabei eins nicht vergessen: Ein Landseer, der mit sich und seiner Welt zufrieden ist, der "besetzt" nicht nur sein Revier (und das Nachbargrundstück noch gleich mit). Er besetzt auch "seinen Lieblingsmenschen". Und diesen einen beobachtet er, ruhig und auf Distanz, und registriert jede Stimmung, jedes Wort, aber auch jedes Zeichen von Schwäche. Ein Landseer-Mensch muss also auch lernen. Er muss lernen., die Führungsrolle, die ihm sein Hund zugesteht, zuverlässig und gelassen und täglich neu einzunehmen. Schafft er das, dann wird aus der Beziehung Mensch-Landseer mit der Zeit von ganz allein eine absolute Liebesgeschichte.


Eine Schulterhöhe zwischen 72 und 80 cm sollen Landseer Rüden haben, Hündinnen zwischen 67 und 72 cm. Und das Gewicht der größten Rüden kann durchaus 75 bis 80 kg betragen. Die Landseer gehören also zu den "absoluten Hunde-Riesen"-allerdings ohne deren (heute fast schon "normale") Kurzlebigkeit. Landseer sind bis heute eine gesunde, vitale Rasse geblieben. Sie können deshalb (fast wie moderne Hirtenhunde) 10, 12, ja 14 Jahre alt werden. Was diese Riesen allerdings brauchen, um alt und weise werden zu können, das ist: Geduld, Geduld, Geduld. Landseer sind wie alle großen Lagerhunde ausgesprochene "Spätentwickler". Sie sind körperlich erst mit 2 Jahren voll belastbar, geistig erst mit 3 bis 4 Jahren. Darauf muss der Halter Rücksicht nehmen und sich von Anfang an sagen: "Weniger ist mehr." Schwimmen ist natürlich ein wunderbares Ganzkörpertraining für so große, so temperamentvolle Hunde. Aber: Seine sprichwörtliche Wasserfreudigkeit" muss auch ein Landseer erst einmal lernen, und er lernt sie nur, wenn ihm das Baden Freude macht. Spezielle "Schwimmhäute" zwischen den Zehen, wie immer behauptet wird, haben Landseer allerdings nicht. Sie haben wie alle Hunde mehr oder weniger ausgeprägte "Zwischenzehenhäute", die ihnen das schnelle Laufen auf hartem Untergrund ermöglichen und die - mehr oder weniger stark ausgeptägt - auch jeder Windhund hat, der noch nie Wasser sah.



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